Pastor

Liebe Leserin, lieber Leser,

neulich war ich mit einer Gruppe zu Gast im Diakonischen Werk am Nordbahnhof in Berlin. Ein großes Bürogebäude mit 700 Mitarbeitenden. Freitagabend war es fast leer. Als wir nach dem Seminar gehen wollten, verlor ich mit den letzten den Anschluss an die Gruppe. Vor uns lag ein dunkler Gang mit vielen Türen. Wohin waren die anderen verschwunden? Einige Türen gingen von dem Gang ab. Obwohl das Haus ein Glaskasten ist, war nicht viel zu sehen, weil nur die schwache Notbeleuchtung an war. Wir hatten keine Angst. Doch wir wussten nicht wohin. Als ich dann losging und den dunklen Flur durchschritt, sah ich auf einer Seite das Treppenhaus und da war auch unsere Gruppe. Wir hatten sie wiedergefunden. Sie waren gar nicht weit. Diese Alltagserfahrung ging mir noch nach. Die Lösung des Problems war nicht schwer. Doch sie lag darin, einen Schritt ins Ungewisse zu tun. So stelle ich mir die Situation vor, die hinter dem Wochenspruch des Januar steht: "Auf dein Wort will ich die Netze auswerfen", sagt Petrus zu Jesus. Er hatte die ganze Nacht mit seinen Mitstreitern vergebens gefischt. Nun hatte er Jesus am Morgen etwas vom Ufer weggerudert, damit die Leute ihn besser zuhören konnten. Am Ende dessen Predigt sagte er nun zu Petrus, er solle es jetzt - am hellerlichten Tage - noch einmal mit dem Fischen probieren. Alles sprach eigentlich dagegen. Am Tag wirft kein vernünftiger Fischer die Netze aus. Er war geschafft von der Nacht. Und was sollen dann noch die Kollegen von ihm denken? Doch er tut es. Warum? Weil er Vertrauen wagt. Er macht den Schritt, ohne zu wissen, was kommen wird. Und er macht den Fang seines Lebens. Nicht immer geht es so gut aus. Nicht jedes Wagnis gelingt. Doch was wäre das Leben ohne diesen Schritt ins Ungewisse, ins Dunkle? Jede Bewerbung für eine Ausbildung oder eine Arbeitsstelle, die erste eigene Wohnung oder die letzte. Und nicht zuletzt wenn ich einem Menschen meine Liebe bekenne, es ist der Schritt ohne Absicherung. Kinder sind die großen Vorbilder im Vertrauen, sagte Jesus einmal. Sie sind voller Vertrauen. Sie vertrauen sich ihren Eltern bedingungslos an, auch anderen. Je älter wir werden, umso schwieriger wird es aber. Wir suchen immer mehr nach Sicherheit. Wir machen eben auch schlechte Erfahrungen. So ist es auch im Glauben. Dass es Gott gibt, halten viele Menschen für wahr. Aber sich Gott anvertrauen - das ist riskant. Antwortet Gott auf mein Gebet? Hilft Gott wirklich in der Not? Verzeiht Gott wirklich mein Versagen und gibt mir eine neue Chance - wie geht das? Die Antwort für unser Leben können wir nur selbst herausfinden, wenn wir den Schritt ins Unbekannte wagen. Übrigens, dieser Petrus war so überwältigt, dass er - obwohl am Höhepunkt seines Erfolges angelangt - den Beruf an den Nagel hing, und ganz Jesus folgte. So glücklich war er und er bereute es nicht. Ich kenne viele, die es heute ebenso erfahren haben...

Ich wünsche Ihnen zum Fest der Liebe dieselbe Erfahrung

Ihr Pastor Andreas Fahnert