Fahner Andreas 2016-04

Hoheslied 8,6-7

Stark wie der Tod

6 Trage mich wie ein Siegel auf dem Herzen,

binde mich wie eine Siegelschnur um deinen Arm!

Denn stark wie der Tod ist die Liebe,

unersättlich wie das Totenreich ist die Leidenschaft.

Sie entflammt wie Feuerflammen,

wie der Blitz schlägt sie ein.

7 Kein Meer kann die Glut der Liebe löschen,

keine Sturzflut reißt sie mit sich fort.

Da verkauft einer Hab und Gut, um Liebe zu gewinnen,

und erntet dafür nichts als Spott.


Liebe Leserin, lieber Leser,

Streit um die Bibel (!) – natürlich, wie immer, nicht um die Bibel selbst, sondern um deren Auslegung. Denn in der Ökumenischen Bibelwoche geht es in diesem Jahr um die erotischsten Texte, die wir in der Bibel finden: Verse aus dem Buch Hoheslied. Wunderschöne Lyrik von Liebenden, Sehnsucht, Begehren, Leidenschaft. Die gegensätzlichen Meinungen beim Austausch darüber zeigten sich bei der Frage, ob das auch etwas mit Gott zu tun habe. Die hier abgedruckten zwei Verse sind noch ganz harmlos (wer mehr will: ziemlich in der Mitte der Bibel, vor Jesaja). Auch hier spüren wir die große Leidenschaft Liebender. Die Verse erbeben durch die Kraft der Gefühle, die darin stecken. Wie wunderbar, dass Gott uns Sexualität geschenkt hat. Auch darin können wir Gottes Liebe erfahren. Schon allein darum sind die Verse ein wichtiger Teil der Vielfalt des Glaubens. Und darüber hinaus sind sie auch schöne Bilder oder zumindest Vorlagen, um die Beziehung zwischen Gott und Mensch zu beschreiben.

Ich fange mal hinten an: Liebe lässt sich ebenso wenig kaufen, wie Gottes Nähe. Es wäre so schön einfach, wenn es ginge. Manchmal bilden sich Menschen sogar ein, sie hätten es bezahlen können. „Spott“ bleibt ihnen nur für diese Einbildung. Liebe ist Geschenk, zu Gott, wie zu Mensch. Und nur im Vertrauen oder im Vertraut werden kann diese Liebe blühen und wachsen. Und wenn wir auf den Ersten Vers schauen, dann fallen uns gleich Eheringe ein oder auch Amulette.

Viele tragen etwas von ihren Liebsten bei sich – heute noch – und sei es das Foto im Portmonee. Doch spätestens die genannte „Siegelschnur“ um den Arm erinnert auch an die Gebetsriemen, die jüdische Gläubige tragen. Daran ist ein kleines Kästchen befestigt, das Worte der Tora trägt. Sie tragen es an Kopf, Herz oder Arm als Zeichen der Nähe Gottes.

Manchmal ist unser Glaube sehr verkopft und ich freue mich, wenn andere mit ihrem Bauchgefühl ihre Verbundenheit mit Gott beschreiben. Gott ist Herzenssache, d.h. Kopf und Bauchgefühl, mal mehr das eine, mal mehr das andere, doch nie nur eines davon.

Ich wünsche Ihnen in der österlichen Zeit viele kleine Nester im Alltag: Zeichen der Befreiung – Grüße vom Auferstandenen Christus

Ihr Pastor Andreas Fahnert